Die Stücke des Theaterstudios:

„Thymian und Drachentod“ von Richard Hey
„Ein Opfer für Wind“ von André Obey
„Die Ausnahme und die Regel“ von Bertold Brecht
„Ein Leben lang“ von William Saroyan
„Sinfonietta“ von Jean Tardieu
„Pastorale“ von Wolfgang Hildesheimer
„Blick zurück im Zorn“ von John Osborne
„Das Ei“ von Felicien Marceau
„Die Welt der Groomkirbies“ von N. F. Simpson
„Abendstunde im Spätherbst“ von Friedrich Dürrenmatt 
„Der Abstecher“ von Martin Walser

 

Bildmaterial: Privatsammlung Karl-Egon Reuter
Filme: Filmstudio RWTH Aachen

klassenkampf im Klubhaus – ein INterview

Karl-Egon Reuter, 1934 in Köln geboren, wuchs nach den kräftezehrenden Kriegszeiten in der Stadt Leverkusen auf und machte dort 1955 das Abitur. Noch im selben Jahr ging er nach Aachen, um an der TH sein Studium des Maschinenbaus aufzunehmen. Dort wurde er festes Mitglied und Regisseur beim „Theaterstudio“, das im bis heute existierenden Theatersaal des 1957 eröffneten Klubhauses (damals „Zitrone“ oder „Neue Mensa“ genannt) des Studentenwerks spielte.

Reuter erzählt von seiner großen Leidenschaft, auf der Bühne zu stehen, von der Stimmung, die Ende der 50er-Jahre unter den Studierenden herrschte, und von Streuselkuchen aus der Mensa.


Wie kamen Sie zum Theaterspiel?

Das war ein recht langer Werdegang, der bereits in der Schulzeit anfing. Abgesehen von recht belanglosen Kinderspielereien begann die ernstere „Theaterarbeit“ in den letzten drei Schuljahren vor dem Abitur in einer kleinen Gruppe von Schülern aus meiner Klasse, die ein besonderes Interesse an Literatur entwickelt hatten.

Zum Theaterstudio bin ich 1956 gestoßen, nachdem ich meine ersten Schritte als neuer Student gemacht und etwas Selbstvertrauen im neuen Lebensbereich gewonnen hatte. Ich erhielt in der ersten Neuinszenierung auch gleich eine kleine Rolle, denn das „Schauspielpersonal“ war rar. Besonders die weiblichen Rollen waren oft schwierig zu besetzen, was die Stückwahl erheblich beeinträchtigte. Glücklicherweise waren immer wieder Studentinnen der Architektur oder Studentinnen der Pädagogischen Hochschule bereit, sich auf der Bühne zu versuchen.

Was waren das für Stücke, die das Theaterstudio spielte?

Es waren vor allem kritische Stücke, die zu jener Zeit genau unseren Nerv trafen. Wir lebten ja damals in einer Gesellschaft, die von der Adenauer-Politik geprägt und eher repressiv denn fortschrittlich gesinnt war. Viele Altnazis saßen in einflussreichen politischen und wirtschaftlichen Stellen und haben ihre heimliche Macht ausgenutzt. Von den Inszenierungen war für mich „Blick zurück im Zorn“ von John Osborne der Favorit.

Wie kam das bei den Aachenern an?

Die erzkatholische, konservative Aachener Gesellschaft war kein fruchtbarer Boden für ein engagiertes, linkes Politikverständnis. Der Höhepunkt der Kluft zwischen uns – von der Freude am Theater durchdrungen – und der Aachener Öffentlichkeit kam mit unserer Aufführung eines Stücks von Bertolt Brecht. Dieser bedeutende deutsche Dramatiker war in unserer Stadt eine Persona non grata, wie auch weitgehend in der restlichen Bundesrepublik. Wir wurden jedenfalls als die kommunistische, dritte Kolonne diffamiert, und es hat lange gedauert, bis dieses Unverständnis gewichen ist – obwohl ein gewisses Misstrauen uns gegenüber in einigen Stadtzirkeln geblieben ist. Es gab glücklicherweise aber auch aus der Stadt Unterstützer aus Bereichen, die ein bisschen weniger engstirnig waren. Wir haben jedenfalls zu unserem Engagement gestanden, auch unbequeme Texte auf die Bühne zu bringen.

Wie würden Sie das politische Verständnis der Studierenden Ihrer Generation beschreiben?

Sie müssen wissen, dass wir Studenten Anfang der 50er-Jahre eine erbärmliche Zeit hinter uns hatten. Einige, auch ich, waren noch in das Hitler-Jungvolk eingezogen worden und waren allem Autoritären gegenüber skeptisch und abwehrend, manchmal sogar gegenüber unseren Eltern. Darüber hinaus hatten wir auch in großen Notsituationen überleben müssen, was bis zur sogenannten Währungsreform andauerte. Ein materielles Anspruchsverhalten, das man in der Jetztzeit erlebt, war vollständig ausgeschlossen und unbekannt. Politisch waren wir sicher linkslastig und vielleicht intellektuell die Vorgängergeneration zu den 68ern. Doch wir waren auch zu streng erzogen, um unsere Protesthaltung in Gewalt umschlagen zu lassen.

Wie war das kulturelle Angebot damals, Ende der 50er-Jahre, für die Studierenden?

Das kulturelle Angebot war für uns Studenten recht mager und beschränkte sich auf einzelne Konzerte, wenige Theaterbesuche und etwas Jazzmusik. Wir mussten uns selbst um unsere kulturelle Betätigung kümmern, siehe eben das Theaterstudio. Unsere Aufführungen waren immer erstaunlich gut besucht, obwohl wir ein kleines Eintrittsgeld verlangten.

Hatten Sie einen festen Probenraum?

Zu Beginn war die Probenarbeit sehr schwierig und sie musste in den verschiedensten Räumen durchgeführt werden. Nach dem Bau der neuen Mensa hat sich das radikal zu unserem Vorteil geändert. Wir erhielten vom Studentenwerk einen für uns reservierten Raum mit direktem Zugang zur Bühne und zu dem sich anschließenden Saal.

Damals sind Sie laut Berichten richtig auf Tournee gegangen …

Ja, besonders begeistert haben uns die Gastspiele, die wir auf Einladung von Studententheatertreffen gemacht haben. Es war in jener Zeit schon etwas Besonderes, als Studenten einer Hochschule von Universitäten eingeladen zu werden. Denn auch da gab es Vorurteile. Noch eindrucksvoller war die Teilnahme am Internationalen Kulturfestival in Istanbul 1964, wohin uns auch eine Einladung brachte. Unsere Teilnahme wurde sogar vom Auswärtigen Amt unterstützt und finanziell gefördert.

Die Studierenden von heute interessieren sich sehr für das Theater, haben aber aufgrund des mittlerweile doch sehr engmaschigen Studiums wenig Zeit für kulturelles Engagement. Wie war es damals?

Das Engagement im Theaterstudio hat für die ständigen Mitglieder einen erheblichen zeitlichen Aufwand bedeutet, der nicht allen Mitwirkenden zugemutet werden konnte. Denn die verschiedenen technischen Studiengänge verlangten eine ständige Anwesenheit und Mitarbeit, wenn man einigermaßen im zeitlichen Rahmen der Normstudienzeiten bleiben wollte. Bei mir hat sich die ausgedehnte Theaterarbeit auch auf meine Studienzeit ausgewirkt, sodass ich am Ende etwa zwei Jahre länger bis zum Diplom gebraucht habe, als das in der vorgeschriebenen Studienzeit veranschlagt war.

Es waren ja nicht nur die „Schauspieler“ gefragt, sondern es gab eben auch Verwaltungsaufgaben und technische Arbeiten wie Bühnenbildbau oder Bühnenaufbau. Plakate und Programme mussten entworfen und gedruckt oder Requisiten besorgt werden. Auch bei der Beleuchtung und dem Soufflieren brauchten wir Unterstützung. Für diese Aufgaben haben wir aber auch einige Studenten gewinnen können, die nicht auf die Bühne wollten, aber gerne in der Gruppe als Hilfskräfte mitarbeiteten. Überhaupt war der Zusammenhalt in unserer Theatergruppe bemerkenswert, denn wir konnten uns bedingungslos aufeinander verlassen und haben keinen irgendwie hängen lassen. Diese absolute Zuverlässigkeit habe ich in anderen Gruppen oder Teams nie wieder erlebt.  

Hatten Sie noch andere Berührungspunkte mit dem Studentenwerk?

Die Mensa war eine absolute Notwendigkeit für uns Studenten. Sie war fast überlebensnotwendig, denn wir waren in der großen Überzahl nicht auf weichen Federn gebettet. Wir haben natürlich über die schlechte Essensqualität gemeckert, hatten aber auch keine anderen Verpflegungsquellen. Ich werde zwei Dinge aus dem Essensangebot der Mensa nie vergessen, nämlich den Linseneintopf mit der nie gefundenen Einlage am Freitag und mein späteres langjähriges Mittagessen, den Streuselkuchen. Damit haben wir uns über Wasser gehalten und sind nicht verhungert.

Lebten Sie in einem der Wohnheime?

Nein, die Zahl der Plätze war zu jener Zeit sehr gering. Ich habe die ersten vier Jahre in Aachen als Untermieter in einem Altbau in der Gartenstraße gelebt, ohne fließendes Wasser und ohne Zentralheizung, mit einem kleinen Kohlenofen in meinem sieben Quadratmeter großen Zimmer. Wasser und Toilette befanden sich eine halbe Etage höher im Treppenhaus. Später fand ich in einem Neubau ein etwas größeres Zimmer mit fließend Wasser, Zentralheizung und einer gemeinsamen Dusche und Toilette.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich befand mich von Anbeginn meines Studiums in finanziellen Engpässen. Meine Eltern haben unter großen Entbehrungen mein erstes Semester finanziert. Damals zahlten wir noch Studiengebühren. Danach habe ich durch Ferienarbeit drei Semester selbst finanziert, bis das Honnefer Modell, der BAföG-Vorläufer, eine erhebliche Erleichterung in die Finanzierung eines Studiums brachte. Aber auch dieses Wunderwerk war zeitlich begrenzt, sodass ich 1959 eine Hilfsassistentenstelle im Laboratorium für Werkzeugmaschinen und Betriebslehre antrat. 1961 habe ich eine Mitspielerin geheiratet und wir haben 1962 und 1963 Nachwuchs bekommen. Da musste ich aber das „lockere Studentenleben“ an den Nagel hängen und für meine Familie sorgen. Nachdem ich 1962 endlich meinen Diplom-Ingenieur gemacht hatte, konnte ich im selben Jahr eine Stelle in der Kernforschungsanlage Jülich antreten und musste meine Mitarbeit im Theaterstudio nach und nach zurückfahren. Meine Frau und ich haben noch einmal 1963 in „Der Abstecher“ mitgewirkt und sind auch 1964 mit nach Istanbul gefahren. Das war dann das Ende meiner „Theaterkarriere“.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Reuter!

Karl-Egon Reuter lebt heute in der Nähe von München. Bis zu seinem Ruhestand war er bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in verschiedenen Leitungspositionen tätig.